
Es war ein Abend voller Erinnerungen, bewegender Worte und literarischer Tiefe: Am Dienstag kehrte Professor Frank Trommler, renommierter Germanist und Literaturwissenschaftler, in seine Heimatstadt Zwönitz zurück – und präsentierte in der Trinitatiskirche seinen ersten Roman „Dorothee oder das Nachleben der alten Welt“. Für Frank Trommler war die Lesung weit mehr als eine Buchvorstellung. „Hier wurde ich vor 86 Jahren getauft“, sagte er sichtlich bewegt. Die Kirche, in der er einst Kindergottesdienste besuchte, wurde nun zum Ort seiner literarischen Rückkehr. Viele Szenen seines Romans sind inspiriert von persönlichen Erlebnissen in Zwönitz. Der Autor entstammt einer bedeutenden Unternehmerfamilie: Sein Großvater Albin Trommler gründete im 19. Jahrhundert eine Kinderschuhfabrik, die sein Vater Ernst Trommler zu einem der größten Schuhbetriebe Deutschlands ausbaute. Mit dem Ende des Zweiten Weltkriegs kam der Bruch – die Familie verlor durch die sowjetische Besatzung ihr gesamtes Vermögen. Ernst Trommler wurde 1945 unter falschen Anschuldigungen verhaftet und nahm sich nach seiner Rückkehr aus dem Lager das Leben. Der Roman erzählt die Geschichte des Ehepaars Eugen und Dorothee Thomalla, deren Lebensweg zwischen industriellem Aufstieg, nationalsozialistischer Diktatur und Nachkriegschaos exemplarisch für eine ganze Generation steht. Trommler verbindet darin persönliche Familiengeschichte mit dem Schicksal des sächsischen Wirtschaftsbürgertums – literarisch, nicht autobiografisch. „Ich habe dieses Buch mit Herzblut geschrieben“, betonte Trommler. Zwönitz bleibt für ihn ein Ort der Herkunft und des Stolzes. Bürgermeister Wolfgang Triebert zeigte sich beeindruckt: „Ein faszinierender Roman, der weit über Zwönitz hinaus Bedeutung hat.“ Nach seiner Flucht in den Westen studierte Trommler Germanistik und Kunstgeschichte, wurde Professor an der University of Pennsylvania und einer der ersten westlichen Germanisten, die sich mit DDR-Literatur wissenschaftlich auseinandersetzten. Für seine Verdienste um die deutsch-amerikanischen Beziehungen erhielt er 2004 das Bundesverdienstkreuz. Heute erinnert die Albin-Trommler-Straße in Zwönitz an die Unternehmerfamilie. Trommlers Rückkehr zeigt: Die Geschichte lebt – in Orten, Erinnerungen und nun auch in Literatur.
Titelfoto, Fotos: Ralf Wendland
