Zum Volkstrauertag, am Sonntag, dem 16. November 2025, versammelten sich Bürgerinnen und Bürger in der gesamten Stadt Zwönitz, um der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft zu gedenken. Der Ort der zentralen Gedenkveranstaltung der Stadt wechselte in diesem Jahr turnusgemäß in den Ortsteil Brünlos. Im Anschluss an den Gottesdienst in Brünlos fand die feierliche Gedenkstunde auf dem örtlichen Friedhof statt. Nach der traditionellen Kranzniederlegung, die stellvertretend für alle Opfer stand, hielt der Brünloser Ortsvorsteher Andreas Lasch die diesjährige Gedenkansprache. Die musikalische Umrahmung der Veranstaltung übernahmen die Brünloser Bläser der „Merci Mercy“.

Rede von Andreas Lasch

Sehr geehrter Herr Bürgermeister, sehr geehrte Gäste, liebe Brünloser,

wir sind heute, am Volkstrauertag, zusammengekommen, um der Opfer der Kriege und Bürgerkriege, der Opfer von politischer Verfolgung und Terrorismus zu gedenken. Dazu gehören auch jene, die Hass und Gewalt zum Opfer gefallen sind, unsere Bundeswehrsoldaten und alle Einsatzkräfte, die im Auslandseinsatz ihr Leben gelassen haben. Am heutigen Tage denken wir insbesondere an sie und ihre Angehörigen. Bevor ich einige Gedanken dazu spreche, bitte ich gleich zu Beginn in einer Schweigeminute all dieser Opfer zu gedenken. 80 Jahre nach dem Ende des zweiten Weltkrieges stehen wir hier am Brünloser Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges. Auch in unserem kleinen Ort waren viele Familien von den schrecklichen Auswirkungen der Weltkriege betroffen. An diesem ehrwürdigen Tag möchte ich mich bei allen Beteiligten bedanken, die bei der Neuerrichtung dieses Mahnmales und Denkortes unserer Dorfgeschichte mitgewirkt haben. Dem Engagement eines Einwohners, begründet mit der Materialknappheit in der früheren DDR, ist es zu verdanken, dass die Tafeln unversehrt die Zeit des Sozialismus überstanden haben. Nun stehen sie auf Idee und Initiative von Altbürgermeister Uwe Schneider hier an diesem Platz und erinnern an die gefallenen Brünloser und die Schrecken eines Krieges.

Der Tischlermeister Rudolph Wagner verbaute nach Kriegsende die Tafeln geschickt in einem Materialschuppen neben seinem Wohnhaus und so wurden sie bis zur politischen Wende in der DDR vor der Zerstörung bewahrt. Dazu kam im Jahr 1990 die Gefallenenliste des 2. Weltkrieges, die heute im Eingangsbereich der Friedhofshalle zu sehen ist. Nach dem Tabu dieser Thematik während der DDR-Zeit erforschten ab 1990 Kurt Auerswald und Heinz Barth diese ca. 160 Namen. Derzeit wird diese Liste von Gunter Lasch, Christina und Elias Hanf ausführlicher bearbeitet. Viele Fragen konnten geklärt, Unklarheiten beseitigt, sowie neue Erkenntnisse eingearbeitet werden. Jetzt ist für alle sichtbar, dass durch den 2. Weltkrieg in Brünlos beispielsweise fünf Familien jeweils 3 Todesopfer zu beklagen hatten. Diese Familien verloren nicht nur den Vater und Ernährer der Familie, sondern auch zwei Söhne, die in den schweren Jahren nach Kriegsende der Familie fehlten. Oder in der den Brünlosern bekannten Strumpffabrik Frank & Hofmann fielen die Söhne beider Besitzer-Familien und damit fehlten auch nach dem Krieg die Nachfolger für den Geschäftsbetrieb. Nahezu in jedem Haus gab es Gefallene und Vermisste. Es waren etwa 12% der heutigen Einwohnerzahl, die unser Ort in dieser Zeit zu beklagen hatte. Ich würde mich freuen, wenn auch weiterhin unsere Einwohner diese Arbeit an einem wichtigen Teil unserer Ortsgeschichte unterstützen, damit die Schicksale nicht in Vergessenheit geraten. Erinnerung daran ist kein nostalgischer Blick zurück, sondern ein aktiver Friedensdienst und ein ehrendes Gedenken an alle Opfer. Kriegsgräberstätten sollen ein Beitrag zur Versöhnung sein und Stätten der Besinnung auf die noch immer stattfindenden Kriege in der Welt. Seit 1945 haben wir Frieden in Deutschland und nach dem Volksaufstand vom 17. Juni 1953 und der friedlichen Revolution 1989 erhielten auch wir Menschen in den neuen Bundesländern vor nunmehr 35 Jahren die Freiheit zurück. So unzeitgemäß der Begriff Volkstrauertag auch heute scheinen mag, sein Anlass ist und bleibt für uns alle hochaktuell. Wenn wir heute an Krieg und Gewalt erinnern, dann erinnern wir nicht nur an vergangenes, sondern in gleicher Weise an gegenwärtiges Leid. Wir erleben im Ukrainekrieg, sozusagen vor unserer Haustür, täglich und fürchterlich, wie schlimm die Leiden des Krieges für die zivile Bevölkerung sind. Ebenso verfolgen viele von uns den Kampf Israels gegen den islamistischen Terror, der täglich viele Opfer fordert. Der heutige Tag ist Anlass genug, um sich über Ursachen von Krieg und Gewalt Gedanken zu machen, vor allem darüber, wie dieses Leid zukünftig verhindert werden kann. Albrecht Haushofer, ein Widerstandskämpfer, der am Hitler-Attentat beteiligt war und von der Gestapo im April 1945 ermordet wurde, verfasste unter anderem folgende Worte, die uns heute noch sagen, dass Jeder(!) aufgerufen ist, seinen Beitrag zu leisten, um Krieg und Terror auf unserer Welt zu verhindern.

Erkenne früher Deine Pflicht!

Nenne Unheil schärfer beim Namen!

Lasse Dein Urteil nicht wider besseres Wissens lenken!

Aber vor allem: Wehre den Anfängen!

Diese Aufforderung ist zeitlos! Wir dürfen nicht wegschauen, wenn Gewalt und Terror entstehen. Krieg heißt stets: Verwundung und Leid, Gefangenschaft und Töten von Menschen und das Zerstören ihres Besitzes und wertvoller Kulturgüter!

Fest steht für uns alle aber auch: Ein Krieg ist kein Naturereignis! Opfer von Gewalt und Krieg sterben weder an einem unsichtbaren Virus, noch wegen menschlichem Versagen. Sie verdanken ihr tragisches Schicksal einer bewussten Politik; oft beschlossen von Regierungen, die immer wieder Alternativlösungen ablehnten und ablehnen. Aber Krieg und Terror finden nicht nur außerhalb unserer Grenzen statt. Genauso kommt es bei uns in Europa zu schrecklichen Terrorakten. Selbst in unserem Land verschärft sich der Umgangston, die Gräben werden tiefer und das Miteinander wird rauer. Politische und wirtschaftliche Unruhe verstärken diese Situation. Wir brauchen inneren Frieden in unserem Land! Für uns selbst und als Vorbild für andere Nationen und Regionen. Hier ist jeder Einzelne gefordert, Verständnis gegenüber seinem Nächsten zu zeigen, nachzugeben und Toleranz zu üben. Wir sollten einen für alle vertretbaren Weg finden. Viele Jahrzehnte bildete das Wort „Mittelstand“ ein Grundfundament unseres Vaterlandes. In der Wirtschaft stand es für stabile Familienbetriebe, die vielen Menschen einen sicheren Arbeitsplatz bieten, den einzelnen Mitarbeiter schätzen und volkswirtschaftlich eine Tragsäule Deutschlands waren. Unter den Menschen galt das Wort „Mittelstand“ als Synonym für gutbürgerliches Leben, für Familie, für Arbeitsfleiß, für Gemeinschaft und Heimatverbundenheit. Leider ist unser Leben heut allzu oft von den Worten „Rechts“ und „Links“ geprägt. Daneben ist kein Platz mehr für Gesellschaft. Misstrauen und Schuldzuweisungen gehören zum Alltag. Wir sind oder haben uns auch selbst in Lager aufgeteilt und diese harte Haltung lässt kein friedliches Miteinander zu. Das ist nicht das Deutschland, dass unsere Ahnen und Großväter aufgebaut haben, für das sie schwer gearbeitet, gekämpft oder ihr Leben gelassen haben. Unser Land braucht wieder eine starke und stabile Mitte! An diesem Tag sollte sich jeder seiner Schuld und Verantwortung bewusst sein, dass er durch seinen Beitrag am gesellschaftlichen Leben unser Land mitgestalten kann. So können wir mit unserem friedvollen und toleranten Umgang untereinander Vorbild für andere Länder sein, denn dieses hilfsbereite Zusammenleben gehört schon seit Jahrhunderten zu unserer erzgebirgischen Mentalität. Heute am Volkstrauertag, an dem wir der Gefallenen und Opfer gedenken und der uns an die Grausamkeiten eines Krieges erinnert, möchte ich jeden auffordern, selbst im Kleinen und Alltäglichen am Erhalt des Friedens mitzuwirken. Es gilt, ein verständnisvolles Miteinander zu leben und Toleranz zu üben. Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge setzt sich seit über 100 Jahren für den Erhalt dieses landesweiten Trauertages ein. Ich möchte mit den Worten einer Erklärung dieses Bundes aus dem Jahr 1927 abschließen: … auf dass auf den Gräbern unserer Gefallenen uns Mut und Kraft zu segensreicher Arbeit an unseres Volkes und Vaterlandes Zukunft erwachsen kann.

Vielen Dank für Ihre und Eure Aufmerksamkeit.