Am 27. Januar jährte sich zum 81. Mal die Befreiung des Konzentrationsund Vernichtungslagers Auschwitz durch die Rote Armee. Dieses Datum wird seit 2005 als Gedenktag begangen für die Opfer des Nationalsozialismus, insbesondere für die Opfer des Holocaust. Das Ziel der Nationalsozialisten war die Vernichtung aller Juden im damaligen Machtbereich. Von den elf Millionen europäischen Juden überlebten dieses Menschheitsverbrechen nur fünf Millionen. Wer den Lagern entkam, hat in den Schlund der Hölle geschaut und musste das Erlebte sein Leben lang mit sich tragen.

Eine der Überlebenden ist Halina Birenbaum. Sie wurde 1929 geboren. Das bedeutet, dass sie mit dem deutschen Überfall auf Polen 1939 bereits die Gräuel der Judenverfolgung in den besetzten Gebieten erleben musste. Ihre gesamte Jugend verlebte sie also als Zeugin von Mord, Raub und Folter, ihre Mutter verlor sie in Majdanek, ihren Vater in Treblinka. Trotzdem verlor sie nie ihren Lebenswillen, wovon ihre Gedichte zeugen. Vier ihrer Gedichte rahmten in diesem Jahr das Programm des Holocaust-Gedenktages, das von der Oberschule Katharina Peters gestaltet wurde. Die Schüler der Klasse 7b haben sich unter der Leitung ihres Klassenlehrers mit dem Thema beschäftigt und die Gedichte einstudiert. Im Mittelpunkt des Programms stand ein Gedicht, das vor einigen Jahren von Schülern einer Deutschklasse in der Oberschule geschrieben wurde – Wie fühlt es sich an? In diesem Gedicht werden die Opfer der Verbrechen während des Dritten Reiches gefragt, wie es ihnen ergangen ist und man stellt sich die Frage, wie man selbst reagiert hätte oder reagieren würde, wenn so etwas in der eigenen unmittelbaren Nähe passierte.

Text: Michael Heinz

Michael Heinz führte als Lehrer der Oberschule mit seiner 7. Klasse durch die Veranstaltung.

Wie fühlt es sich an

Sag mir: Wie fühlt es sich an? Wie fühlt es sich an, ausgegrenzt zu werden, weil du anders bist? Wie fühlt es sich an, wenn dieses Anderssein nur durch deine Herkunft, deine Geburt, den Glauben deiner Vorfahren, deiner Gewissensfreiheit bestimmt wird? Wie fühlt es sich an, deswegen verletzt zu werden? Wie fühlt es sich an, wenn deine Peiniger gestern noch deine Nachbarn waren? Wie fühlt es sich an, wenn dir alles genommen wird, alles zerstört wird, was dir wichtig war, was dich ausgemacht hat? Können wir es fühlen, wenn wir es sehen, können wir es verstehen, wenn wir auf der anderen Seite stehen? Wie fühlt es sich an, wenn du in der Nacht geholt wirst, keine Stunde Zeit hast, das Nötigste zusammen zu packen? Wie fühlt es sich an, wenn du fortgebracht wirst, ohne zu wissen, was das Ziel, das Ende sein wird? Wie fühlt es sich an, wenn du von deinen Liebsten getrennt wirst? Wie fühlt es sich an, zu ahnen und vielleicht zu wissen, dass du sie nie wieder sehen wirst? Wie fühlt es sich an, zu sehen, dass sich keiner dagegen wehrt und auch du die Kraft nicht aufbringst? Wie fühlt es sich an, wenn du dich in das scheinbar Unausweichliche fügst gegenüber so viel Hass und Gewalt? Können wir es fühlen, wenn wir es sehen, können wir es verstehen, wenn wir auf der sicheren Seite stehen? Wie fühlt es sich an, zu wissen, dass es für dich kein Zurück gibt? Wie fühlt es sich an, dass nur noch der Tod auf dich wartet, und es nur eine Frage der Zeit ist, ihm zu begegnen? Wie fühlt es sich an, nicht zu wissen, welche Erniedrigungen, Qualen und Schmerzen auf dem Weg zum Tod auf dich warten werden? Wie fühlt es sich an, dass dein Leben nur von der Laune und der Willkür einzelner abhängt und du aller Rechte, sogar dem Recht auf Leben, beraubt bist? Wie fühlt es sich an, dass sie dich Glauben machen, dass du kein Mensch mehr bist? Können wir es fühlen? Können wir es verstehen? Die meisten haben doch weggesehen, und glaubten, auf der sauberen Seite zu stehen. Wie fühlt es sich an, entgegen aller Wahrscheinlichkeiten es doch überstanden zu haben? Wie fühlt es sich an, entscheiden zu müssen, ob du zerbrochen oder stark geworden bist, ob für dich das Überleben Glück oder Last, ob du verzeihst oder hasst? Wie fühlt es sich an, dass man dir weismachen will, dass keiner davon wusste? Wie fühlt es sich an, dass die Normalität alle deine Wunden notdürftig verdeckt? Wie fühlt es sich an, dass diese Wunden wieder aufgerissen werden? Können wir es fühlen, können wir es verstehen? Es könnte wieder geschehen, und wir werden es kommen sehen, können wir dann widerstehen und werden nicht auf die andere, sichere, vermeintlich saubere Seite gehen?