
Das neue Jahr hat gerade erst begonnen und schon ist Zwönitz um zwei bedeutende Ereignisse reicher. Zum einen kaufte die Stadt am 19. Januar den ehemaligen Gasthof Zum Goldenen Stern von den Erben der verstorbenen Besitzerin Erika Herold (Titelfoto mit ihrem Mann Dieter), um eine Fehlentwicklung mitten auf dem Zwönitzer Markt zu verhindern. Zum anderen gründete sich am 4. Februar der Förderverein Lebenswertes Zwönitz, der sich vorgenommen hat, Projektideen aus der Bürgerschaft zu unterstützen und zu begleiten, welche Zwönitz noch lebens- und liebenswerter machen. Stadt und Verein haben sich nun vorgenommen, für den denkmalgeschützten Dreiseitenhof ein Nutzungskonzept zu entwickeln, welches der historischen Bedeutung des Ensembles gerecht wird und das für die Realisierung notwendige Geld zu beschaffen. Da die Bausubstanz in schlechtem Zustand ist, werden hierfür sicherlich mehrere Millionen benötigt. Bei ersten Begehungen war das Erstaunen groß. Obwohl der Gasthof bereits 1996 schloss, sind Gaststube, Küche, Vereinszimmer, Gästezimmer, Bierkeller, Schlachthaus, Stallungen und Tenne noch weitgehend original erhalten.
Der Gasthof scheint in einen 30-jährigen Dornröschenschlaf gefallen zu sein und darauf zu warten, dass er wieder wachgeküsst wird. Seine Historie kann bis Anfang des 16. Jahrhunderts zurückverfolgt werden. Der teilweise in den Fels gehauene, mit Feldsteinen errichtete Gewölbekeller ist sicherlich noch älter. Alten Chroniken zufolge gab es damals in Zwönitz nur zwei privilegierte Wirtshäuser, den im Rathaus befindlichen Ratskeller und den Gasthof am Anfang der Oberen Gasse, heute Markt 8. Während der Standort des Rathauses über die Jahrhunderte mehrfach wechselte, wurde der Gasthof wahrscheinlich schon mit der Stadtgründung im 14. Jahrhundert strategisch günstig neben Kirche und Pfarre direkt an der Kreuzung zweier alter Handelsstraßen angelegt, wo er sich noch heute befindet. Zwönitz war aufgrund der steilen Anstiege Vorspannstadt. Die Fuhrleute mussten frische Pferde vorspannen lassen, um mit den vollbeladenen Wagen die steilen Hänge bewältigen zu können. Deshalb brauchte es genügend Unterstellmöglichkeiten für Pferde, das erforderliche Futter und für die Reisenden auch Gästebetten und Verpflegung. Dem ersten Gerichtsbuch für Zwönitz ist zu entnehmen, dass am 2. Juli 1503 Matthes Derrer gemeinsam mit seinem in Kühnhaide wohnenden Bruder Paul die Güter des Wirtes Lorentz Motz kauft. Hierbei handelt es sich wohl um eines der 8 ältesten Zwönitzer Bauerngüter, welche auch als Sitzerbe bezeichnet werden. Matthes zahlt seinen Bruder später aus und wird alleiniger Besitzer. In den ersten uns vorliegenden Tranksteuerlisten des Klosters Grünhain von 1514/15 ist Matthes genauso enthalten, wie auch in den folgenden bis 1534. In dieser Zeit war er auch als Stadtrichter tätig.
Auf Kosten der brauenden Bürgerschaft wird alten Chroniken zufolge ab 1519 oberhalb des Gasthofes ein Wasserstollen angelegt. Das Brunnenhaus befand sich ursprünglich vor dem Gasthof Richtung Markt. Später wurde es hinter den Gasthof verlegt, wo heute noch von einem Wasserbottich aus 24 Häuser, fünf öffentliche Brunnenanlagen und der Friedhof mit ständig fließendem Röhrwasser versorgt werden. Zur Zeit des Bauernkrieges legen am 28. Juli 1525 aufständische Bauern in Zwönitz aus Rache für Vergeltungsmaßnahmen der Herrschaft Feuer. Das Städtlein brennt nahezu vollständig nieder, so auch der Gasthof. Wiederaufgebaut haben muss ihn Blasius Irmetreuter, wohl als Pächter bei Matthes Derrer, der weiter die Tranksteuer an das Zisterzienser-Kloster zahlt. Die Familie Irmetreuter ist bereits im Terminierbuch des Zwickauer Franziskanerklosters um 1460 erwähnt und zählt somit zu den ältesten bekannten Zwönitzer Familien. Wie das Gerichtsbuch bei einem Eintrag zu seinem Enkel verrät, war es bereits Blasius erlaubt, Teile des Hofes direkt auf die Kirchenmauern zu bauen.
Nachdem Blasius Irmetreuter stirbt, zahlt der bereits im väterlichen Gut lebende Sohn Thomas seinen Bruder Caspar am 11. Juli 1535 das väterliche Erbteil mit 50 Gulden 17 Groschen und 4 ½ Pfennig aus. Geld genug hat er besessen, war er doch mit der Tochter des wohlhabenden Mühlenbesitzers Stephan Grabner verheiratet. Nach dem Tod des Schwiegervaters ließ sich Thomas 1533 das Erbteil seiner Frau mit 112 Gulden und 9 ½ Groschen auszahlen. Auf der Tranksteuerliste taucht der Name Thomas Irmetreuter 1535 erstmals auf, er muss zu dieser Zeit also Eigentümer des Gasthofs gewesen sein. Von diesem Jahr an ist er auch als Schöffe beim Stadtgericht tätig und wird 1545 sogar als Stadtrichter erwähnt. Am 13. Februar des Jahres 1545 bricht in seinem Gasthof ein verheerender Brand aus, dem 15 Häuser zum Opfer fallen. Sein gleichnamiger Sohn erhält ein Jahr später von der Kirchgemeinde die Erlaubnis, beim Wiederaufbau des Gasthofs – wie seinem Vater und dessen Vorfahren bereits gestattet – direkt auf die Kirchenmauer bauen zu dürfen, allerdings ohne Fenster oder Türen in den Kirchhof hinein. Da Mitte des 16. Jahrhunderts am Eingang der Unteren Gasse ein weiteres Gasthaus entstand (heute Hotel „Roß“), wird fortan zwischen Oberem und Unterem Gasthof unterschieden.
Nach mehreren Eigentümerwechseln erwirbt am 10. Februar 1612 der Gastwirt und Förster im Streitwald Georg Korn den Oberen Gasthof und behält ihn bis zu seinem Tod 1645. Am Schlussstein über der Eingangstür ist die Jahreszahl 1632 verewigt. Sie lässt vermuten, dass das Hauptgebäude in diesem Jahr seine heutige Kubatur bekam. Mitten im Dreißigjährigen Krieg war dieses Jahr für Zwönitz und die Region mit zahlreichen Schicksalsschlägen verbunden. Am 19. August fallen unter Leitung des kaiserlichen Generals Holck 100 Kroaten in Zwönitz ein und plündern die Stadt aus. Sie werden auf dem Weg nach Grünhain an Straßenbarrikaden zurückgeschlagen, die mit Bürgern und Bauern besetzt waren. Aus Rache brennen sie drei Bauerngüter nieder. In den folgenden Monaten kommt es zu wechselseitigen Kämpfen zwischen den Holckschen Truppen und dem Schwedischen Heer mit Plünderungen, Vergewaltigungen und Brandschatzen. Mehrere Zwönitzer Bürger fallen diesem Kriegstreiben zum Opfer, darunter auch drei Kinder. In der Küche des Pfarrhauses bricht am 21. Mai 1687 um 13.30 Uhr ein verheerendes Feuer aus, weil Speck anbrannte. Die Flammen greifen auf die benachbarten Gebäude über und zerstören Kirche, Küsterei, Mädchenschule in der Obergasse, den Oberen Gasthof, Rathaus, Brauhaus, Fronveste, Hospital, 143 Häuser, zwei Mühlen und einige Bauerngüter in Niederzwönitz. Zu diesem Zeitpunkt ist Daniel Grabner Eigentümer des Gasthofs. Er wird vier Tage nach dem Brand tot im Pfüllerteich aufgefunden. Ein Selbstmord infolge des Brandschadens ist nicht ausgeschlossen. Seine Witwe heiratet Johann Reppel, den Sohn des Unteren Gasthofes (jetzt Hotel Roß). Der Obere Gasthof hat nun wieder einen Wirt, der später auch das Amt des Stadtrichters innehat. Da die Aufgabe des Nachtwächters bislang mehr schlecht als recht ausgeführt wurde, wird für den vom Rat 1688 vereidigten Johann Leonhardt zwei Jahre später die Arbeitsaufgabe mit Verlauf und Zeit der Rundgänge exakt zu Papier gebracht und überwacht. Am 27. Mai 1708 brennt es wieder im Oberen Gasthof. Gegen 2 Uhr früh schlägt ein Blitz ins Hintergebäude ein. Trotz Nachtwächter vernichten die Flammen Pfarr-Diakonat, Rat- und Brauhaus, die Baderei, die Fronveste samt 64 der besten Häuser. Der Weißgerbermeister Johann Heinrich Reppel schenkt 1735 seinem Verwandten und damaligen Eigentümer des Oberen Gasthofs Karl Gottlob Müller die Reppel- oder Streitrute, setzt einen Stein und stiftet sechs Gulden jährlich den Armen. Alle Jahre am Johannistag soll in einer Betstunde im Gasthof die Verteilung des Zinsbrotes erfolgen. Der Name „Zum Güldenen Stern“ wird am 14. Mai 1762 beim Verkauf an Christian Friedrich Müller erstmals erwähnt. Die älteste bildliche Darstellung des Gebäudes datiert der Heimatforscher Johannes Schuricht auf das Jahr 1776. Georg Friedrich Wieck hat diese Zeichnung in seinem Buch „Sachsen in Bildern“ 1841 abgedruckt.
Die ältesten bekannten Bauakten stammen von 1855. August Ferdinand Hirsch hat den Gasthof im Jahr zuvor erworben und erneuert das Hintergebäude. Es bietet 30 Pferden Unterstand.
Als ob es der Stadtbrände nicht genug wären, bricht am 1. August 1859 mittags wieder im Hintergebäude des „Sterns“ ein Feuer aus, welches innerhalb von 90 Minuten insgesamt 26 Häuser, 30 Nebengebäude und 2 Scheunen vernichtet. 225 Personen werden obdachlos. Bereits zwei Monate später hat August Ferdinand Hirsch, die abgebrannten Schuppen, Scheunen und das Stallgebäude wieder in Betrieb genommen. Nachdem der Brand von 1859 die völlige Unzulänglichkeit der Spritzenbedienung bewiesen hatte, kommt man im Zwönitzer Turnverein am 2. Februar 1861 zum Entschluss, eine freiwillige Feuerwehr zu gründen. Mit Inbetriebnahme der Eisenbahnlinien und dem Aufkommen des Automobils werden die meisten Pferdeunterstände überflüssig. 1920 wird die Schülerherberge von der „Bahnhofseiche“ in den Gasthof „Stern“ verlegt und existiert bis 1929. Ein letzter Brand ist am 12. September dieses Jahres vermerkt. Das Stall- und Wirtschaftsgebäude des Gasthofs steht wieder in Flammen. Eigentümer ist zu diesem Zeitpunkt Gustav Richard Kunz. Als er zwei Jahre später verstirbt, kauft seine Tochter Paula Camilla den Gasthof. Ihre Familie züchtet noch bis zum zweiten Weltkrieg im Hof des Wirtshauses Pferde. Nach Camillas Tod 1990 übernimmt ihr Sohn, Dieter Herold, die Gaststätte. Sechs Jahre später schließt er den Gasthof „Zum Goldenen Stern“ und meldet das Gaststättengewerbe ab. Dieser kurze Abriss, der mehr als 500 Jahre Geschichte des Gasthofs abbildet macht die Historie unserer Bergstadt seit dem ausklingenden Mittelalter lebendig erlebbar. Dies im denkmalgeschützten Ensemble zu erhalten und mit einem wirtschaftlich tragfähigen Nutzungskonzept zu verbinden, ist die große Vision.
Titelbild: Buch „Na dann: Zum Wohle“ von Stefan Schneider, Fotograf vermutlich Harald Schindler
