
Ich muss damals etwa fünf Jahre alt gewesen sein… Die Stube war mit Bratenduft und Kerzenschein erfüllt- Festlichkeit lag in der Luft! An jenem Heiligabend schaute ich sehnsüchtig aus dem geöffneten Küchenfenster hinaus in die stille Nacht, hielt Ausschau nach dem Weihnachtsmann… oder besser gesagt: nach dem Rupprich. Doch niemand war auf den Straßen zu sehen. Alle saßen gemütlich in ihren Stuben, hinter den leuchtenden Fenstern, die mit Schibbögen, Sternen und Männeln geschmückt waren. Frau Holle ließ große Flocken vom Himmel schweben, die sich sanft auf Dächer und Wege legten. Plötzlich hörte ich Schritte, das Knirschen der Stiefel durch den harschen Schnee. Ein bärtiger Mann mit rotem Mantel und einem großen Sack auf dem Rücken stampfte drüben auf dem zugeschneiten Bürgersteig entlang. „Hallo Weihnachtsmann! Kommst Du auch zu mir?“ rief ich flehend. Ja, ich hatte Angst vor seiner Antwort, denn kommt er nicht nur zu den artigen Kindern? Der Weihnachtsmann blieb verdutzt stehen, schob seine Kapuze zurecht und schaute in meine Richtung. Ich winkte ihm zu. „Das macht mein Kollege!“, gab er zur Antwort und setzte seinen Weg fort. Ich sah ihm hinterher, bis er in der Dunkelheit verschwunden war. Dann schloss ich das Fenster und rutschte in den Sessel. „Das macht mein Kollege“, das hatte er gesagt… also gab es mehrere Weihnachtsmänner oder Rupprichs? Ich dachte angestrengt nach und kam zu dem Schluss, dass es nicht nur den einen Rupprich geben kann. Wie soll das einer alleine schaffen, zu allen Kindern auf der Welt zu Heiligabend oder zum 1. Weihnachtsfeiertag zu kommen? Das war ganz und gar unmöglich. Also gab es wahrscheinlich sehr viele von ihnen, aber einer musste doch der Oberrupprich sein, der Chef- oder auch: der einzig wahre Rupprich! Es dauerte nicht lange, da klopfte es laut an unsere Tür! Ich erschrak. Herein kam der Kollege Rupprich im roten Mantel. Sein Gesicht war hinter einer „Larve“ versteckt, die mir ein bisschen Angst machte. Er fragte mit strenger Stimme, ob ich brav gewesen sei und beugte sich zu mir herunter. Ich glaube seinen Augen waren blau. Ich nickte verunsichert. Da fiel mein Blick auf seine Stiefel, die mir irgendwie bekannt vorkamen. Nachdem ich artig „Schneeflöckchen, Weißröckchen“ gesungen und „Lieber guter Weihnachtsmann, schau mich nicht so böse an. Stecke deine Rute ein, ich will auch immer artig sein.“ gesprochen hatte, zog der Rupprich ein großes Paket aus seinem Sack. So oder so ähnlich lief die Bescherung in jedem Jahr ab, bis ich eines Tages meine Eltern fragte: „Warum hat der Weihnachtsmann eigentlich die gleichen Stiefel, wie Onkel Charly?“ Seitdem kam der Rupprich nicht mehr zu mir. Hätte ich meine Worte nur zurückholen können. Jahrelang glaubte ich nun, dass es keinen echten Weihnachtsmann gäbe, dass sich Väter, Opas, Onkels und Brüder nur auf Geheiß der Erziehungsberechtigten als Rupprich verkleiden, damit die Kinder wenigstens zu Weihnachten gutes Benehmen an den Tag legen würden. So wurde ich erwachsen, bekam selbst Kinder und heuerte irgendwann Rupprechts an. Meine Eltern und Großeltern starben und ließen mich mit vielen offenen Fragen zurück. So auch die Frage von damals. In meinem Herzen versteckte sich jedoch immer noch ein Funken Sehnsucht nach einem gütigen und warmherzigen Weihnachtsmann mit lächelnden Augen… nach dem echten Rupprich! Das Schicksal wollte es, dass meine Frage, beantwortet werden sollte. In einer Stadt, in der die Weihnachtszeit am längsten währt, nämlich vom Freitag vor dem ersten Advent bis zur Lichtmess am 2.2., in der Stadt, die mit „Z“ beginnt und mit „Z“ endet, machte ich zufällig eine Beobachtung: Ein roter Transporter parkte vor einem Haushaltwarengeschäft. Ein älterer Herr mit langen lockigen weißen Haaren und ebensolchem Bart stieg mühsam aus. Es machte den Anschein, als hätte er Schmerzen beim Gehen. Er trug eine blaue Latzhose und ein kariertes Hemd. „Das ist ja ganz und gar ungewöhnlich, dass ein älterer Herr volle lange Haare trägt“, dachte ich bei mir. “Er sieht aus wie ein Weihnachtsmann“, aber ohne „Verkleidung“, denn es war gerade Sommer! Ich wurde neugierig und überquerte die Straße, blickte durch das große Schaufenster in den Laden, in dem er verschwunden war. Außer „der weißen Ware“ gab es dort auch eine Ecke mit einem großen Puppenhaus, Puppenstubenmöbel und -beleuchtung. Das verblüffte mich. War hier etwa die Werkstatt des Rupprichs? Ich nahm allen Mut zusammen und öffnete die Ladentüre. Glöckchen klingelten. Hinter dem Tresen stand eine junge Frau, die schwanger war. „Guten Tag, Sie werden entschuldigen, ich suche den Herrn, der hier kurz vor mir zur Tür hereingekommen ist… “Ja, er ist hinten, um die Ecke.“ Ganz hinten im Laden, da saß er… und werkelte. „Guten Tag Herr äh…“ „Ich bie dr Rupprich!“, kam es wie aus der Pistole geschossen! Aber ganz und gar nicht böse – er blickte mich verschmitzt durch seine runde Brille an. „Setz Dich när, Madel!“ Das tat ich und freute mich, in meinem „mittleren Alter“, noch als „Madel“, bezeichnet zu werden. Ich konnte es nicht recht glauben: Der Mann, der mit bürgerlichem Namen Rolf Lauer hieß, hatte einen echten, langen Bart, echte lange weiße, leicht gelockte, Haare und: diese gütigen blauen Augen… „Der Rupprich?“, fragte ich noch etwas ungläubig nach. „Ja… und des war ehsu: Nach dem Schubert, Willy war hier, in „dr Zwentz“, dr Mattis Roland der amtierende Rupprich. Aber eines Tages wurde der Roland alt und krank, konnte seinen Dienst nicht mehr tun… eine traurige Sache. Der Bürgermeister fragte mich damals, ob ich nicht als neuer Rupprich den Dienst antreten könne. Ich fühlte mich einerseits geehrt, andererseits wollte ich mich nicht anmaßen, der neue Rupprich von Zwönitz zu sein, nicht ohne den Segen von Roland! Also machte ich mich auf, besuchte ihn an seinem Krankenbett. Roland, Du bist für mich DER Rupprich. Die Stadt hat mich gefragt, ob ich es mache, in deine Fußstapfen trete. Aber ich mach es nur mit deinem Segen, Rol´! Er antwortete: „Rolf… DU bist es! Niemand anderes als Du!“ Tränen liefen mir übers Gesicht. Auch Rupprich Rolf wischte sich eine Träne fort. „Ja und seit dem, bin ichs, iech bie dr Rupprich!“ In der folgenden Zeit besuchte ich den Rupprich öfter. Er erzählte mir von seiner Ziege, die ihn bei seinen Auftritten oft begleitete, davon, dass er tief im Geyrischen Wald mit den Zwergen den ganzen Sommer über werkelte, vom Pyramiden anschieben und vielem mehr. Oft hatte er versucht, den jungen Leuten ins Gewissen zu reden und das Rauchen aufzugeben. Er hatte Kinderaugen zum Leuchten gebracht: im Kindergarten, Heimen, sowie im Hospiz. In manchen Familien, war er zum Inbegriff der Weihnacht geworden „Ohne dich ist für uns kein Weihnachten!“, hatten die Leute gesagt, zu denen er am 23.12. kam und sein Lied sang: „Morgen Kinder wird´s was geben…“ Er war nicht der Konsum- Knecht Rupprecht, der den Sack voller Luxus-Geschenke brachte. Nein. Ein bescheidener, großherziger, gütiger Mann, dem man nicht genug danken kann, der nie Geld für seine „Dienste“ genommen hat, jemand der den Sinn der Weihnacht bis heute in sich trägt und weitergibt, mit seinem ganzen Sein: Der echte Rupprich! Ich habe ihn gefunden!
Inzwischen feierte Ehrenbürger Rupprich Rolf Lauer seinen 80. Geburtstag (geb. 22.12.45) und gab sein traditionsreiches Amt an seinen ältesten Sohn Jens Lauer weiter.
Herzlichen Glückwunsch lieber Rupprich!
Text und Bild: Antje Henkel-Schilbach
