Ka Licht?

Do draußen in der Walt is schlimm,
do tappen se aah in Finstern rüm.
Do suchn se haar, do suchen se hi,
e jeder daar will’s besser verstieh.
De ganze Walt is narrisch worn,
se haben aabn alle es Licht verlorn.

Dass das neue Jahr beginnt, wie das alte zur Neige ging und noch kein Licht am Ende des Corona-Tunnels zu sehen ist, betrübt alle sehr. Da mag der eine oder andere schon verzweifeln und die Strophe aus Anton Günther’s Gedicht Ka Licht zutreffend finden. Die Welt steckt in der Krise, aber nicht wie einst nach dem Ersten Weltkrieg, als das Gedicht entstand. Tatsächlich leben wir in luxuriösen Zeiten, in denen sich um die Gesundheit eines jeden Einzelnen gesorgt werden kann. Den meisten fehlt es nicht an Nahrung, sie haben eine Behausung und „es ist besser, ein einziges Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen“, sagte bereits vor 2500 Jahren der chinesische Philosoph Konfuzius. im Weihnachtsland, dem Erzgebirge gab es und gibt es selbst in den dunkelsten Zeiten stets ein Licht am Ende des finsteren Schachtes. Das Licht spielt in der Montanregion eine wichtige Rolle und die Beleuchtung entwickelte hier die interessantesten Formen vom Schwibbogen, über die Leuchterspinne und Pyramide, bis hin zur Gewitterkerze. Speziell das Kerzenlicht soll Thema des Beitrages sein.    

Am  2. Februar hieß es in Zwönitz wieder „Licht aus – Kerzen an!“. Zu Maria Lichtmess endet hier die 5. Jahreszeit und die Weihnachtssachen werden auf den Boden geräumt. Doch auch wenn Schwibbögen nicht länger heimleuchten, so erfüllt Kerzenschein die eigenen vier Wände mit Gemütlichkeit und Wärme. Gestresste Eltern entzünden in Zeiten von Homeoffice versus Hausaufgaben einmal mehr die zur Lichtmess verteilten Gewitterkerzen. Die im Kloster Rosenthal geweihten Kerzen sollen Schutz und Segen geben und werden, wie der Name schon verrät, bei Gewitter angezündet. Auch im übertragenen Sinne, stiften die Kerzen bei häuslichem Unwetter wieder Frieden und Harmonie. Maria Lichtmess wird insbesondere in katholischen Gegenden gefeiert. Den Namen „Lichtmeß“ verdankt der Tag den Kerzen, die Gläubige segnen lassen. Der Ursprung des Festes liegt aber im alten Rom im Sühnefest, bei dem zur Versöhnung der Lebenden mit den Toten Opfer dargebracht und Pechfackeln angezündet wurden. Im 5. Jahrhundert traten mit der Christianisierung an die Stelle der Pechfackeln die Kerzen.

In schlechten Zeiten holt vielleicht aber auch einer das selbst gemachte „Heiligobndlicht“ hervor?  Der Heimatforscher und Mundartschriftsteller Manfred Blechschmidt trug in seinem Buch: Weihnachtliches Brauchtum im Erzgebirge Interessantes aus schriftlichen und mündlichen Überlieferungen zu dem besonderen Licht zusammen. Es soll demnach während des Neunerleiessens vom Familienoberhaupt  angezündet werden, nicht mit einem Streichholz, sondern mit einem Span vom Ofenfeuer. Es möge keine rein weiße Kerze (Totenlicht) sein und sollte in die Stube hinein flackern und nicht nach außen, sonst käme Leid über die Familie. Auch sei darauf zu achten, dass ein „Lichtrest“ stehen bleibt, um damit im nächsten Jahr den Christbaum anzubrennen, mit dem  „Stumpel“ Krankheiten wie Wunden zu heilen oder beim Entzünden ein Gewitter abzuwehren. Hier ähnelt die Funktion des Heilig-Abend-Lichtes der der Gewitterkerze auffallend.

Während in Zwönitz vermehrt die mit Blitzen verzierten Gewitterkerzen brennen, flackern vielleicht andernorts die Lichtreste der Heilig-Abend-Lichter, so zum Beispiel in Schneeberg. In der Schneeberger Glückauf-Drogerie Huber werden nach alter Tradition und geheim gehaltenen Familienrezept  Heilig-Abend-Lichter hergestellt. Sie sind 30 cm hoch, cremefarben und mit roten sowie grünen Palmenzweigen versehen. Die Palmenzweige erinnern an den Einzug Jesu in Jerusalem, tragen somit christlichen Symbolcharakter. Das Motiv ist bei den Heilig-Abend-Lichtern wohl aber nicht vorgegeben. Die älteste bisher bekannte Quelle, in der das Heilig-Abend-Licht als solches benannt wird, findet sich in einer Liedstrophe aus dem Lied Ne Hannl sei Weihnachtsliedel von 1815 und greift die individuelle Gestaltung der Kerze auf:  

Satt dos Heilingobndlicht a!
S sei fei rute Blümle dra
Und e klaans Gesprüchel.
Ho zwee Grosch derfür bezohlt,
salber su schie agemalt!

Die Strophe dichtete Christian Gottlob Wild. Der aus Johanngeorgenstadt stammende evangelisch-lutherische Pfarrer gilt als Begründer der erzgebirgischen Mundartdichtung und bediente immer wieder Themen wie das vom Brauchtum bestimmte Leben der Menschen seiner Heimat.

Im Vergleich zu den Gewitterkerzen, werden die Heilig-Abend-Lichter nicht kirchlich geweiht. „Geweiht“ sind sie mit dem Entzünden zum heiligen Fest. Ebenso wichtig wie das Licht, sei auch der Leuchter, manchmal als Erbleuchter bezeichnet. „Der Leuchter ist ererbt und kommt nur jede Weihnachten zur Geltung. Sonst steht er im Schrank.“; so liest es sich in Blechschmidt’s Buch Das Erzgebirgsjahr.

Ob der Leuchter auch von besonderer Form oder Materialität war und sich mit dem Brauch mancherorts erhalten hat, ist eine von vielen spannenden Fragen, die das Museum beschäftigt. Der fachliche Austausch mit einer Museumskollegin aus Potsdam, die derzeit eine Sonderausstellung im Museum für Sächsische Volkskunst Dresden mit dem Titel: Von Spinnen, Engeln und dem Licht der Welt – Die Kronleuchter der Erzgebirger aufbaut und hierzu eine Fachpublikation herausbringt, veranlasste dazu, die eigene Sammlung nach solch dinglichem Brauchtum zur durchleuchten. Doch ist es oft schwer nachvollziehbar, ob es sich bei dem Leuchter gleichzeitig um einen Erbleuchter handelt, wenn die verzierte Kerze und eine dokumentierte Geschichte hierzu fehlen. Gesucht wird, neben den Erbleuchtern, Heilig-Abend-Lichtern und individuellen Geschichten zum noch gepflegten Brauch oder die Erinnerung daran, auch ein „Weihnachtsleuchter“ von 1840, der sich laut des handschriftlichen Vermerks auf einem alten Foto in Zwönitz befindet (siehe Abbildungen). Liebe Zwönitzer, liebe Leser, Sie sind gefragt: Wenn Sie noch ein Heilig-Abend-Licht und ein Erbleuchter im Schrank haben, so teilen Sie bitte Ihr Wissen und Ihre Geschichten mit uns. Und wenn Sie etwas zu dem abgebildeten Leuchter sagen können, dann wenden Sie sich ans Museum. Vielleicht bringen Sie endlich Licht ins Dunkel?

Ob nun eine Gewitterkerze oder ein Heilig-Abend-Licht in dieser schweren, pandemiegestraften Zeit Trost spendet und Hoffnung weckt, ist letztlich gleich. Wichtig ist hingegen Dankbarkeit, für das, was einem das Leben trotz allem beschert. So soll der kleine Beitrag zum Licht im Erzgebirge mit den Worten Anton Günther’s schließen:

Nu tappt när rüm, nu tappt när zu,
ihr wird in eiern Laabn net fruh,
net ehnter wird wieder Frieden sei,
als bis in eire Harzen nei e Lichtel kommt,
wie zer Weihnachtszeit, dos Lichtel haaßt: Zufriedenheit!

Paula Stötzer
Papiermühle Niederzwönitz
Technisches Museum
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p.stoetzer@zwoenitz.de