Treffen sich zwei Rosinen, fragt die eine: „Warum hast du einen Helm auf?“ Darauf die andere: „Ich geh in den Stollen.“

Der Witz impliziert, dass Rosinen selbstverständlich in das Weihnachtsgebäck gehören. Dabei war es zunächst ein eher fades Brot zur Fastenzeit, bestehend aus Mehl, Wasser, Bierhefe und Rüböl. Mit diesen Zutaten würde heute keiner mehr zum Stollenkönig gekrönt werden. Erstmals schriftlich erwähnt wird das Backwerk 1329 in einem Dokument des Naumburger Bischofs Heinrich. Wer es erfand, ist nicht überliefert. Es wird angenommen, dass der Stollen dem heidnischen Gebildbrot entsprang, welches für die christlichen Bräuche adaptiert wurde. Zur Form und zum Namen des Gebäcks gibt es ebenso viele Spekulationen wie zu dessen Erfindung. So soll das Weihnachtsbrot an das eingewickelte Jesuskind erinnern und der Name vom althochdeutschen „stollo“ für Stütze oder Pfosten herrühren. Der Erzgebirger sieht im aufgeschnittenen Christstollen das schneebestäubte Mundloch eines Bergwerksstollns. Diese Interpretation entspricht zumindest der Etymologie des Wortes. Der Stollen wie wir ihn heute kennen, mit reichlich Butter, Zucker, Rosinen, Trockenfrüchten und Gewürzen, soll erstmals 1457 vom Hofkonditor Heinrich Drasdow auf Schloss Hartenfels in Torgau für den Kurfürsten gebacken worden sein. Damit verstieß Drasdow gegen ein kirchliches Verbot. Die Verwendung von Butter war in der Fastenzeit untersagt. Da aber weder der Kurfürst noch vermögende Kundschaft des Hofstaates Stollen mit Rüböl essen mochte, wurde das kleine fettige Geheimnis nicht verraten. Kurfürst Ernst und sein Bruder Herzog Heinrich schrieben dem Papst eine Beschwerde, die Jahre später beantwortet wurde. Im so genannten „Butterbrief“ erlaubte Papst Innozenz VIII. 1491 den Sachsen die Verwendung von Butter zur Fastenzeit, wenn auch gegen Bezahlung. Das Geld kam u.a. dem Freiberger Dom zugute. Der Bäcker Drasdow erhielt einen Privilegienbrief für sein Stollenrezept und gilt deshalb für viele als Erfinder oder zumindest Wiederentdecker des gehaltvollen Weihnachtsgebäcks. Aus dem „Drasdower Stollen“ machte der Dialekt den „Dresdner Stollen“, so lautet ein Erklärungsversuch, weshalb heute der Dresdner Christstollen bekannter ist. Zu dem Mythos dürfte auch der berühmteste der in Dresden residierenden sächsischen Herrscher August der Starke beigetragen haben. Bei einem Schaumanöver im Sommer 1730 wollte er die Konkurrenz aus Preußen mit einem Riesenstollen beeindrucken, der angeblich 1,8 Tonnen auf die Waage brachte. Da die Zutaten, insbesondere Zucker, sehr teuer waren, galt der Stollen als Luxusgebäck. Der Sommerstollen von August dem Starken dürfte wohl die süßeste Prestige- und Machtdemonstration der Landesgeschichte darstellen. In der DDR wurde der Stollen erneut zum Luxusgut, da die Zutaten wie Mandeln, Zitronat, Orangeat und Rosinen teuer importiert werden mussten. Der Leiter der Devisenbeschaffung KoKo, Alexander Schalck-Golodkowski forderte 1978 sogar ein Stollenschenkverbot. Würden keine Stollen mehr gebacken, müssten auch keine Devisen mehr für Zutaten fließen, so der Gedanke. Das Verbot setzte sich nicht durch, wie die schöne Geschenkverpackung „Original Erzgebirgischer Weihnachtsstollen“ in der Sonderausstellung demonstriert. Der VEB Backwarenkombinat Zwickau stellte den Stollen her. Zutaten und Inhaltsstoffe sind auf der Verpackung allerdings nicht angegeben. Der DDR Bürger begegnete dem Mangel mit Einfallsreichtum. Zitronat wurde durch kandierte grüne Tomaten oder Kürbis ersetzt. Als Orangeatersatz konnten kandierte Möhren herhalten und statt Rosinen kam gewürfeltes Backobst in den Teig. Dass der Stollen nicht immer schmackhaft und wertvoll war, verrät ein weiteres Fundstück im Museum. Die Papiermühle Niederzwönitz beschwerte sich 1961 bei ihrem Auftraggeber für Hartpappen und Altpapierlieferanten VEB Lößnitzer Schuhfabrik über Unrat im gelieferten Altpapier: „…sogar einen vollständigen Weihnachtsstollen in einer Cellophantüte konnten wir Ihrem Altpapier entnehmen. Das sind recht seltsame Altpapierbeiträge.“ Der Stollen füllte wohl künstlich das Gewicht des Altpapiers auf. Solche Tricks waren keine Seltenheit, aber das einstige Luxusgebäck zwischen gelesenen Zeitungen vorzufinden, irritierte doch und zeigt, dass Papier wertvoller war als ein Stollen, der nicht schmeckte. Ob der Stollen mit kandierten Tomaten mehr oder weniger lecker war, das vermag jeder selbst beurteilen. In Dresden wurde jedenfalls gleich nach der Wende der „Schutzverband Dresdner Stollen e.V.“ gegründet. Damit ein Stollen als Dresdner Christstollen bezeichnet werden darf, muss er Butter, Mehl, Orangeat, Zitronat und Rosinen enthalten. Der Buttergehalt muss bei mindestens 50 Prozent liegen. Konservierungsstoffe, Aromen und auch Margarine sind als Zutaten im Dresdner Christstollen verboten. Außerdem darf sich nur „Dresdner Christstollen“ nennen, was in der Elbmetropole gebacken wird. Nur wer diesen Standards genügt, erhält das goldene Siegel der Organisation. Zusätzlich schützt ein EU-Siegel die geografische Herkunft der Ware. Das Stollenmädchen und der Striezelmarkt in Dresden bewerben und etablieren die Marke. 1994 erinnerten Bäcker mit einem Riesenstollen an den 300. Jahrestag der Thronbesteigung von August dem Starken und backen seither jährlich Schwergewichte, die nicht nur Aufmerksamkeit erregen, sondern auch zur Legitimierung des Traditionsgebäcks beitragen sollen. Die Bäckerei Nönnig aus Ehrenfriedersdorf hat sich ebenfalls etwas Besonderes einfallen lassen. Sie lagert den Stollen im Stolln, das wohl für einen ausgezeichneten Geschmack sorgt, wie die Nachfrage im In- und Ausland bestätigt. Den einzig wahren Stollenkönig gibt es wohl nicht. So kürt die Stadt Zwönitz alle Jahre wieder einen neuen König, eine neue Königin. Für die Autorin ist die herrschende Stollenkönigin die Oma Gundl, deren Geheimzutat lautet: einfach mehr Butter!

Text: Paula Stötzer